Barings Banks

Wie ein einzelner Händler die Barings Bank ruinierte

28 April 2019

von Ines Zöttl

Nick Leeson war Händler der Barings Bank und verzockte Millionen mit Derivategeschäften. Die Verluste versteckte er jahrelang – und ritt die „Bank der Queen“ in die Pleite. Was für ein herrlicher Ort, um seinen 28. Geburtstag zu feiern: Als Nick Leeson am Morgen des 25. Februar 1995 aufwacht, glitzert am Strand von Kota Kinabalu, der Hauptstadt des malaysischen Bundesstaates Sabah, das Meer in der Sonne. Das Personal des Luxushotels Shangri-la’s Tanjung Aru hat die blau-weißen Schirme aufgespannt und steht bereit, den Gästen jeden Wunsch zu erfüllen. So wunderbar ruhig sei es hier, findet Leeson. „Wir könnten heute Abend beim Italiener essen und morgen Wildwasser-Rafting machen“, schlägt er seiner Frau Lisa vor. „Machen wir uns einen schönen Tag.“ Während die beiden die friedliche Stille genießen, ist in der Finanzwelt Asiens und Europas die Hölle losgebrochen. Leesons Bluff ist geplatzt. 

Der Starhändler der Barings Bank, der seinem Arbeitgeber scheinbar Rekordgewinne verschaffte, der von Kollegen als „King“ bewundert und beneidet wurde, hat sich als haltloser Zocker und Betrüger entpuppt. Immer stärker hatten sich die Hinweise verdichtet, dass etwas mit den Geschäften des Derivatehändlers in Singapur nicht stimmen konnte. Monatelang ließen sich die Vorgesetzten vertrösten, doch nun sind ihre Fragen nach den Ungereimtheiten in den Büchern drängender geworden. Ultimativ verlangen sie schließlich am Donnerstag, zwei Tage vor Leesons Geburtstag, Aufklärung. Kein Problem, sagt der junge Chefhändler, er müsse nur kurz zu Hause nach seiner kranken Frau sehen. In einer Dreiviertelstunde sei er zurück.

Die Vorgesetzten warten vergeblich. Leeson fährt nach Hause und von da aus mit Lisa zum Flughafen. Am darauffolgenden Montag wird Barings, die älteste britische Handelsbank, für insolvent erklärt. Leeson hinterlässt ein gigantisches schwarzes Loch: Buchverluste von 827 Mio. Pfund, damals rund 2 Mrd. D-Mark – mehr als das Doppelte von Barings’ Eigenkapital. Wie konnte das geschehen?

Optionen und Kontrakte

Am Anfang stand der Traum eines englischen Jungen aus Watford, der mehr erwartete vom Leben als die Sozialwohnungen, in denen er aufgewachsen war. Nick Leeson wollte nicht Handwerker werden wie sein Vater, der Wände verputzte. Nach dem Abitur bewarb er sich auf eine Sachbearbeiterstelle in der feinen Londoner Bank Coutts & Co – und wurde genommen. „Ich trug Anzug und Krawatte und lernte schnell“, schreibt er in seiner Autobiografie, die er gut zehn Jahre später als Häftling Nr. 38 406 in einem Gefängnis in Singapur verfasste.

1987 wechselte Leeson zu Morgan Stanley in die Abteilung, die Derivategeschäfte abwickelte. „Die Welt der Terminkontrakte und Optionen wuchs schnell, und nur wenige verstanden wirklich, wie sie funktionierten“, so Leeson. Er war 20 Jahre alt, verdiente 20.000 Pfund jährlich und dazu einen ebenso hohen Bonus, hatte sich die erste Wohnung gekauft – und Blut geleckt. Er wollte da sein, wo das „echte Geld“ verdient wurde. Nicht im Backoffice, wo die Deals abgerechnet werden, die andere machen. Sondern im Handelsraum, wo wild gestikulierende Männer in Sekunden Millionen bewegen und dabei selbst reich werden.

Im Sommer 1989 kündigte Leeson und nahm einen Job bei Barings an. Wieder in der Abwicklung, aber mit einem festen Plan: Dies würde sein Sprungbrett in die Welt des schnellen Geldes sein. Barings schließlich war nicht irgendeine Bank. „Es gibt sechs Großmächte in Europa – England, Frankreich, Preußen, Österreich, Russland und die Gebrüder Baring“, soll Kardinal Richelieu einmal gesagt haben. 1762 gegründet, hatte Barings mehr als zwei Jahrhunderte stürmischer Geschichte überstanden und unter anderem den Kauf Louisianas durch die Vereinigten Staaten von Amerika finanziert. Die Wände der Zentrale in der Londoner City schmückten Ölgemälde alter Meister und historische Aktienzertifikate. Seit der Jahrhundertwende zählte die Bank auch die königliche Familie zum Kundenkreis und verdiente damit Provisionen – und Adelstitel.

Man verstand sich als konservativ, als Bankiers, die auf solides Wachstum setzten. Doch Barings wollte auch nicht abseitsstehen, wenn sich neue, lukrative Geschäftsfelder auftaten. Im Investmentbanking zum Beispiel oder beim Aufstieg der „Tiger“-Volkswirtschaften Asiens seit den 80er-Jahren.

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